Nokia startet Aufholjagd bei High-Tech-Handys
publiziert: Freitag, 3. Okt 2008 / 15:11 Uhr / aktualisiert: Freitag, 3. Okt 2008 / 16:29 Uhr

London/Hamburg - Bedrängt von der Konkurrenz nimmt Nokia den Kampf um die Zukunft auf. Mit seinem ersten Touchscreen-Handy und einem neuen Musik-Angebot startet der finnische Weltmarktführer eine Aufholjagd mit ungewissem Ausgang.

Das 5800 XpressMusic soll Nokia wieder auf die Siegerstrasse bringen.
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Denn die Initiative haben die anderen: Im Rampenlicht stehen seit Monaten vor allem das iPhone von Apple und zuletzt auch das Google-Betriebssystem Android. Nokia wurde hingegen immer mehr als Massenhersteller wahrgenommen, der seine Marktanteile mit dem Verkauf von Billig-Handys in Entwicklungsländern macht.

Jetzt will Nokia sich in der ersten Reihe zurückmelden. Das Modell 5800 XpressMusic ist das erste Handy der Finnen mit einem berührungsempfindlichen Bildschirm.

Und bei dem Dienst «Comes with Music» (etwa: «Musik inbegriffen») kann der Käufer eines Nokia-Handys ein Jahr lang ohne weitere Kosten unbegrenzt auf Millionen Musiktitel zugreifen - ein direkter Angriff auf Musik-Marktführer Apple mit seinem Online-Shop iTunes.

Marktanteil noch in Ordnung

Bei aktuellen Marktanteilen sieht es für Nokia noch gut aus. «Soviel verkaufen wir bis zum Mittagessen», soll einmal ein Nokia- Manager mit viel Arroganz über Apples Absatzziel von 10 Millionen iPhones in diesem Jahr gesagt haben.

Am gesamten Handy-Markt halten die Finnen stabil einen Anteil um die 40 Prozent und gerade bei den technisch ausgefeilten Smartphones - der Kombination aus Handy und Mini-Computer - kommt von ihnen sogar etwa jedes zweite Gerät.

Jetzt. Doch die Produktzyklen in der Branche sind kurz - und viele Verbraucher kaufen sich alle Paar Jahre neue Geräte.

Klapphandy verschlafen

Wie schnell man bei den Kunden in Ungnade fallen kann, hatte Nokia vor einigen Jahren selbst erfahren müssen, als es den Trend zu Klapphandys verschlief.

Und aktuell ist als mahnendes Beispiel zu beobachten, wie die einstige Nummer zwei der Branche, der US-Hersteller Motorola, nach hinten durchgereicht wird, nachdem er keinen ansprechenden Nachfolger für seine populären RAZR-Telefone entwickeln konnte.

Trügerisch hoher Marktanteil beim mobilen Internet

Doch die Handy-Branche ist auch noch von einem viel grösseren Wandel erfasst als die üblichen Produktzyklen. Apple, Google und die Mobilfunkanbieter wollen das mobile Internet im Massenmarkt etablieren - und setzen Nokia damit unter Druck.

Denn die 50 Prozent Marktanteil der Finnen bei den Smartphones klingen zwar nach viel - doch macht das Segment immer noch weniger als ein Fünftel des gesamten Handy-Marktes von mehr als einer Milliarde Einheiten aus. Das heisst: Es gibt noch viel Neuland zu erobern, und die heutigen Marktanteile könnten schnell schrumpfen.

Die Rivalen werden nicht nur immer mehr, sondern auch immer mächtiger, wie selbst Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo jüngst einräumte. Im Oktober schickt die Allianz um den Internet-Riesen Google zunächst in den USA das erste Handy mit dem Betriebssystem Android ins Rennen. Es geht um eine komplette Plattform mit Geräten verschiedener Hersteller und einer Vielfalt an Diensten und Programmen - mit den Milliarden und der Internet-Marktmacht von Google im Rücken.

Gleichzeitig führt Apple sein iPhone in immer mehr Ländern ein. Und auch die vor allem auf mobile E-Mail-Dienste ausgelegten BlackBerry-Handys gewinnen jedes Quartal Millionen neue Kunden.

Hinderliches Einzelkämpfertum

Nokia hatte schon im vergangenen Jahr eine Strategie für die Zukunft skizziert: Den Kunden mit Diensten wie Musik, Navigation, Spiele oder Online-Netzwerke an sich zu binden. Die Umsetzung kostet zwar viel Geld - zum Beispiel die gut acht Milliarden Dollar für den Karten-Anbieter Navteq. Sie läuft aber nicht gerade schnell.

Das erste Touchscreen-Handy kommt erst mehr als ein Jahr nach dem iPhone. Der Start des Spiele-Portals musste wegen Software-Problemen mehr als einmal verschoben werden. Zwischen der Ankündigung von «Comes with Music» und der Markteinführung verging fast ein Jahr.

Ein Grund dafür ist, dass der finnische Riese grösstenteils im Alleingang unterwegs ist. Kleinere Konkurrenten wie LG Electronics traten der Android-Allianz bei. Nokia zahlte hingegen bei der Firma, die das Betriebssystem Symbian für dessen Smartphones produziert, die bisherigen Partner aus und übernahm sie komplett.

Die Pläne für das Dienste-Portal Ovi (Finnisch für «Tür») sorgten zudem für Spannungen mit einigen Mobilfunk-Anbietern wie T-Mobile, die den Kunden eigene Angebote verkaufen wollen.

(Andrej Sokolow/dpa)

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