Comdays 2009: Medienkrise oder positive Entwicklung?
publiziert: Mittwoch, 21. Okt 2009 / 20:06 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 21. Okt 2009 / 20:50 Uhr

Biel - Veränderungen in der Medienbranche standen im Zentrum des zweiten Tages der 8. Comdays in Biel. Manche Branchenkenner bezeichneten diesen Wandel als Krise, andere sehen positive Entwicklungen dank neuen Modellen. 
Die Comdays-Organisatoren zeigten sich über die rund 650 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der zweitägigen Veranstaltung zufrieden.

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«Wir befinden uns in einer gigantischen Krise», so Marc Walder von Ringier. Die neue Mediennutzung der Konsumentinnen und Konsumenten und die Konjunkturkrise hätten die Branche getroffen.

Medienhäuser müssten sich auf starke Marken fokussieren, ihre Unternehmen effizienter gestalten und neue Geschäftsbereiche erschliessen.

«Es gibt keine allgemeine Medienkrise, sondern eine neue Realität», sagte hingegen Professor Otfried Jarren von der Universität Zürich. Es gäbe wohl aber eine «hausgemachte Krise» der Tageszeitungen und des Verlagsmanagement.

Mit hoher Qualität sollten die Medien einen publizistischen Wert schaffen, für den die Konsumentinnen und Konsumenten gerne bezahlen. Die Branche allein sei in der Lage, das Blatt zu wenden. Hans Peter Rohner von Publigroupe erklärte, dass die Zukunft «klug kalkulierenden und innovationsfreudigen Medienunternehmen» gehöre. Tradition und Grösse könnten dabei hilfreich, aber auch ein Hindernis sein.

Keine Krise auf dem Lesermarkt

Ist Online-Journalismus ein Weg aus der Krise? Er sei «leichtfüssig, flexibel und unmittelbar» und biete beste Voraussetzungen für aktuelle und hintergründige Information, schilderte Peter Knechtli von Online Reports.

Die Online-Gemeinde wünsche sich eben Nachrichten in «real time». Die Werbeeinnahmen hätten sich positiv entwickelt, die Werbekrise hätten sie kaum gespürt.

Die Gratis-Zeitung «20 Minuten» sei nur leicht davon betroffen, sagte Geschäftsleiter Marcel Kohler. Auf dem Lesermarkt herrsche hingegen keine Krise, im Gegenteil: Die Leserzahlen würden zunehmen, insbesondere dank der für Werbekunden wichtigen Zielgruppe der 14- bis 19-Jährigen. Sinkende Leserzahlen machten hingegen der Schwedischen Zeitung «Svenska Dagblat» zu schaffen, bedauerten Ann Axelsson und Magnus Gylje.

Um den Lesern die Informationen bedürfnisgerecht zu vermitteln, haben sie die Ausgaben gestrafft und komplexe Themen mit informativen Grafiken vereinfacht. Am Wochenende erscheint ein Magazin, das ausführlicher über bestimmte Themen berichtet. Die Bilanz sei erfreulich: Die Zeitung habe für ihr Layout einige Preise gewonnen, die Leserzahlen steigen.

Leidet die Qualität?


«Ich kann Ihnen wenig Katastrophales über die Gefährdung der Qualität unseres Journalismus berichten», ermutigte Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbandes Schweizer Presse, die Comdays-Teilnehmenden. Wenn wir von Krise sprechen, handle es sich um wenige Titel und wenige Leute. Lokale und regionale Medien erlebten einen Aufschwung durch ihre lokale Berichterstattung und ihre professionelle Arbeit. Dies sei der Grund, weshalb die Schweiz medial hervorragend ausgerüstet sei, und sich die Medien qualitativ verbessert hätten. Online-Journalismus sei hingegen ein «klassischer Abbau an Qualität», weil der Zeitdruck eine genauere Recherche nicht zulasse.


In den USA sei Online-Journalismus der Grund, weshalb der amerikanische Qualitätsjournalismus akut gefährdet sei. «Zeitungen befinden sich in der Todesspirale», bedauerte Stephan Russ-Mohl von der Universität Lugano. Bereits seien traditionsreiche Titel verschwunden. Damit die journalistische Qualität nicht weiterhin leide, sollen die Leserinnen und Leser bezahlen. Möglich dafür seien Flatrates und Online-Abonnements. 
Für qualitativ hoch stehenden Journalismus müssten auch die Arbeitsbedingungen stimmen. Aus- und Weiterbildung seien unerlässlich, so Philipp Cueni von der Schweizer Mediengewerkschaft SSM. Zudem dürfe der bisherige Stellenabbau nicht vernachlässigt werden. Er sei verhältnismässig hoch und führe zum Verlust von spezialisiertem Wissen.

Nicht Inserate sondern Informationen verkaufen

An einem Panel waren Medienvertreter einig, dass man umdenken müsse: Die Leser seien die Kunden – nicht die Inserenten. Man müsse zukünftig die Leserinnen und Leser ernst nehmen und Informationen, nicht Werbeflächen verkaufen, sagte Markus Somm von der «Weltwoche». Publizist Roger de Weck forderte auch mehr Leserbindung: Eine gute Zeitung sei wie ein Dialog; der Leser möchte einen guten Gesprächspartner. Dies sei das Erfolgsmodell des «Bieler Tagblatts», erläuterte Chefredaktorin Catherine Duttweiler. Ihre Zeitung zeichne sich durch lokale Berichterstattung aus, berichte über Ereignisse, die die Leser bewegen und einen Dialog ermöglichen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmenden, dass Qualität weiterhin gefragt sei und Printmedien nicht aussterben würden. Derzeit würden aber alle Medien über dasselbe berichten, bedauerte Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserat. Es sei deshalb an der Zeit umzudenken.

Mediale Zukunft?

Erweiterung der Realität sei die mediale Zukunft, prophezeite Nils Müller von TrendONE zum Schluss der Comdays. Mit multifunktionalen mobilen Geräten könne bald von einer Welt in die andere springen. So könne man zum Beispiel bereits 2010 virtuell einkaufen gehen und online Kleider anprobieren. Wir werden immer online sein: «Always on, always connected» laute die Devise.

(Peter Linsin/news.ch mit Agenturen)

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