Teltarif-Redaktor Ulf Schneider hat das im quadratischen Design daherkommende Handy-Modell Flipout von Motorola im Test auf Herz und Nieren geprüft.
So breit wie hoch: Schon erstaunlich, was für ein Effekt diese simple, aber für Mobiltelefon-Verhältnisse ungewöhnliche Bauweise hat. Das kompakte Motorola Flipout sticht aus der Handy-Masse deutlich hervor und sieht schlichtweg knuffig aus. Und warum Flipout? Ähnlich wie bei einem Swivel-Handy lässt sich die Frontseite um 90 Grad drehen, so dass eine fünfzeilige Volltastatur mit einem Mini-Joypad freigegeben wird. Dieses Konzept erlaubt einerseits eine sehr handliche Masse, erfordert allerdings auch eine recht hohe Bautiefe von 17 Millimetern. Hinzukommt, dass das Flipout durch das Sonderformat in keine Handy-Tasche passt, die mittlerweile in vielen Jacken-Innenfuttern vorhanden sind.
Auch das TFT-Display ist ungewohnt, da es stets die Breite ausnutzt. Das ist grundsätzlich kein Problem, allerdings ist die Qualität verglichen mit aktuellen Referenzmodellen ziemlich dürftig. Trotz QVGA-Auflösung und 2,8 Zoll Bildschirmdiagonale wirkt die Darstellung pixelig und insbesondere Fotos sehen schwammig, zu düster und blass aus. Unter dem Strich keine zeitgemässe Vorstellung des Motorola Flipout.
Zeitgemäss ist dafür die Verarbeitungsqualität. Der Drehmechanismus rastet sauber in die jeweiligen Endpositionen ein, sämtliche Bauteile fügen sich präzise zusammen und die zum grössten Teil aus Metall bestehende Frontseite sorgt für Robustheit – und einem Gewicht von immerhin 124 Gramm. Abgerundet wird der quadratische Auftritt des Motorola Flipout durch insgesamt vier auswechselbare, bunte Akku-Deckel.
Zeitgemässes Ausstattungsprogramm mit Android OS 2.1
Die Betriebssystemsversion Android 2.1 (Eclair) ist die Basis für ein zeitgemässes Ausstattungsprogramm, zu dem neuerdings auch Sprachwahl und -steuerung gehört. Dank HSDPA mit bis zu 7,2 MBit/s im Download und HSUPA bis zu 2 MBit/s im Upload sowie WLAN b/g/n für den Internetzugriff an Hotspots ist der Benutzer schnell unterwegs, was angesichts des Schwerpunktes Soziale Netzwerke mit Uploads von Fotos oder Videos nützlich ist. «Motoblur» nennt der Hersteller den Manager für Facebook & Co. Dieser wurde weiter entwickelt, da nun differenzierter festgelegt werden kann, welcher Kontakt, bzw. welche Gruppe auf dem Startbildschirm stets aktualisiert wird. Um immer den neuesten Status aufs Handy gepusht zu bekommen, ist allerdings eine ständige Datenverbindung notwendig, was nicht nur zu Lasten der Akku-Leistung geht, sondern auch einen geeigneten Datentarif voraussetzt.
Der neue Daten-Manager ermöglicht stets die Übersicht, wie hoch das Volumen der gesendeten und empfangen Daten ist. Im Zweifelsfall sollten die Status-Updates, ausserhalb eines WLAN-Netzes dennoch deaktiviert werden. Insgesamt funktioniert Motoblur aber einwandfrei, so dass es umso verwunderlicher ist, dass der Konzern vor kurzem bekannt gab, man ziehe eine Weiterentwicklung nicht mehr in Betracht. Möglicher Grund: Durch die Einführung von Android 3.0 zum Ende dieses Jahres soll es nicht mehr möglich sein, das Betriebssystem mit einer herstellereigenen Nutzeroberfläche zu kombinieren – schade.
Spartanische Multimedia-Ausstattung des Motorola Flipout
Im Bereich Multimedia köchelt das Motorola Flipout eher auf Sparflamme. Der MP3-Player ist spartanisch ausgestattet und der beigelegte Kopfhörer qualitativ nicht die Wucht. Immerhin: Dank eines 3,5-Millimeter-Klinkesteckers freundet sich das Quadrat-Handy aber immerhin mit hochwertigeren handelsüblichen Kopfhörern an. Die Digitalkamera löst maximal 3 Megapixel auf und wird weder durch Autofokus, noch durch ein Fotolicht unterstützt. Unter dem Strich somit ein reiner Sonnenschein-Knipser für kurze Distanzen. Fast schon luxuriös ist dagegen der Radio-Komfort. Der UKW-Empfänger des Motorola Flipout macht seinen Job ausgesprochen gut und sogar das Web-Radio von Shoutcast findet sich bereits in der Ausstattungsliste.
Auch ein GPS-Empfänger ist eingebaut, wobei allerdings nur eine Testversion der Navigations-Software Telmap Navigator auf dem Handy installiert ist. Es handelt sich dabei zwar um eine Offline-Variante, wobei aber dennoch Ladezeiten und damit verbundene Kosten verbunden sind. Auf längere Sicht muss der Nutzer also für eine aktive Routenführung zahlen, weswegen sich beispielsweise das kostenlose Google Maps Navigation als Alternative förmlich aufdrängt. Diese App findet der Suchende ebenso im Android Market, wie mittlerweile rund 100 000 andere Anwendungen. Die Entwicklung des App-Stores für Android-Programme ist derzeit äusserst dynamisch, so dass für jeden Geschmack das eine oder andere nützliche Software-Pflaster dabei sein sollte. Abgerundet wird der Komfort durch eine beigelegte 2 GB grosse wechselbare microSD-Speicherkarte, einen Push-E-Mail-Dienst sowie einen flexibel ausbaubaren Organizer-Bereich.
Display-Darstellung des Motorola Flipout mit Tücken
Das grösste Problem beim Umgang mit dem Motorola Flipout ist das vergleichsweise kleine Display im Querformat. Die insgesamt sieben Startbildschirme sehen schnell überfrachtet aus, sobald sie mit Widgets gefüllt werden. Noch schlimmer: Beim Surfen im Internet ist es nur schwer möglich, die optimale Schriftgrösse durch zoomen zu erreichen. Entweder sind die Buchstaben zu klein oder so gross, dass man ständig hin und her scrollen muss, um ganze Sätze zu lesen – da kommt im WWW nur wenig Freude auf.
Genug gemeckert: Es gibt auch positive Aspekte beim Bedienungskonzept. Das fängt bei der behutsamen Schritt-für-Schritt-Anleitung an, die zu Beginn gleich alle wichtigen Eingaben ermöglicht. Auch die Tastatur überzeugt trotz enger Fläche durch eine gelungene Ergonomie und einem klarem Druckpunkt. Das kleine Joypad ist allerdings recht sinnlos, da es keinen zentralen Knopf aufweist, so dass der Nutzer um Touchscreen-Eingaben nicht herumkommt. Insgesamt klappt das Stupsen durch die Listen schnell und problemlos, wobei aber der Bedienungsfluss nicht so intuitiv wie beim iPhone geraten ist. Schade ist zudem, dass kein direkter Zugroff auf SIM-Kontakte möglich ist und dass Kontakte im Adressbuch stets nur nach Vornamen sortiert werden.
Gute Sprechqualität dank «Crystal-Talk»
Der ARM-Cortex-A8-Prozessor des Motorola Flipout ist mit 600 MHz getaktet und sorgt für eine ausreichende Performance, ohne sich aber für komplexere Aufgaben zu empfehlen. Während der Testphase fiel das Motorola Flipout allerdings nicht durch störende Wartesekunden negativ auf. Der 1 170-mAh-Akku reagiert recht sensibel auf die Nutzungsintensität. Während bei sporadischer Nutzung bis zu fünf volle Tage Rufbereitschaft drin sind, müssen Vieltelefonierer und Dauersurfer bereits nach zwei bis maximal drei Tagen das Netzteil bemühen – unter dem Strich eine recht dürftige Leistung. Immerhin: Dank eines Akku-Managers lässt sich je nach Anforderung noch mehr Betriebsbereitschaft herauskitzeln.
Bei der Sprechqualität griffen die Macher tief in die Trickkiste. Mit Hilfe der «Crystal-Talk-Plus»-Technologie werden insbesondere die Nebengeräusche komplett eliminiert. Im Zusammenspiel mit mehreren auswählbaren Sprachprofilen sorgt diese Technologie für eine präsente Stimmwiedergabe. Insbesondere bei Telefonaten ins Festnetz lädt die gute Qualität zu längeren Telefonaten ein. Bei der Empfangsleistung kann nur der Einsatz im D-Frequenzband komplett überzeugen. Im E- und 3G-Netz könnte der Kontakt zum nächsten Mast souveräner sein. In Städten fällt das aber normalerweise nicht ins Gewicht.
Mehr Schein als Sein
Löblich, dass Motorola sich beim Flipout weiterhin von der experimentierfreudigen Seite präsentiert. In diesem Falle wirkt sich das ungewöhnliche Design jedoch kontraproduktiv auf das Ergebnis aus, denn die reine Nutzung der Breite des recht kleinen Displays erschwert den Umgang mit dem Smartphone. Zudem fällt die Multimedia-Ausstattung des Android-Handys vergleichsweise dürftig aus. Für ein an Jugendliche gerichtetes reines Fun-Handy oder als Mode-Accessoir ist das Motorola Flipout mit Preisen im Online-Handel ab etwa 410 Franken ohne Vertrag allerdings auch vergleichsweise teuer.
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